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Thomas Bühler: "Sprungbereit"

Sprungbereit, 1994, Tempera/Öl auf Karton, 126 x 136 cm

(22.10.2010)  Thomas Bühlers Bild Sprungbereit führt den Betrachter ans Ende von Welt und Zeit.Das Geschehen spielt sich ab auf einer schachbrettgemusterten Platte, die, durch einen rot-weißen Schlagbaum abgeschrankt, in den Weltraum hineinragt und nach hinten von einer Mauer gegen eine windmühlenbevölkerte Landschaft unter goldgelb schimmerndem Himmel abgeschlossen wird. Ein geflügeltes Pferd, das seinen linken Vorderlauf gerade über die Schranke setzt, trägt auf seinem Rücken, verkehrt herum sitzend, einen nackten Mann mit einer Lanze und eine nackte Frau, die beide Karnevalshüte tragen und sich miteinander und mit dem Roß vergnügen.Zu dessen Rechter marschiert ein zwergenhaft kleiner Soldat in Uniform mit Stahlhelm, Fahne und Bajonett im Stechschritt ebenfalls über die Schranke hinaus. An deren Kopf hat sich ein gesichtsloses Mischwesen mit flügelbewehrtem Helm postiert, das eine schwrz-rot-goldene Fahne verbrennt; an der rückwertigen Mauer hockt ein nackter bärtiger Mann, der das Gesicht resignativ in die Hand gelegt hat.
Zur Deutung dieser komplexen Bildstruktur liefert ein vom Künstler dazu verfasster Zweiteiler den Schlüssel: “Sprungbereit am Rand unserer Zeit / Fasziniert von den Feuern der Vergangenheit.” Es geht also um die Veranschaulichung einer zeitlichen Struktur, wobei die persönlichen Lebensumstände Bühlers eine wichtige Rolle spielen. So ist die Gestalt der Mauer deutlich der der Berliner Mauer nachempfunden, die der seit 1988 am Checkpoint Charlie lebende Künstler lange genung täglich vor Augen hatte. Sie markiert hier die – von Bühler sehr persönlich empfundene – Epochenscheide des Jahres 1989. Das Schachbrettmuster auf der Plattform, die das Jetzt vertritt, steht für Rationalität und Vernunftbetontheit unserer Zeit, das Treiben der darauf agierenden Gestalten freilich für die tatsächliche Unvernunft und damit gewissermaßen für den Gegensatz zwische Anspruch und Wirklichkeit. Der Schritt über die Schranke hinaus ins Kosmische hat für den auch astronomisch interessierten Bühler für sich nichts Schreckhaftes, wie die ruhige Weite des Allausschnitts verrät. Doch steigert sich die Ungewissheit angesichts des Zustands der Menschheit in eine merkwürdig zwischen Grotesk und Alptraumhaft
schillernde Stimmung. Die viel zu kleinen Flügel des Pegasus vermögen ihn und die beiden Narren kaum durch die Lüfte zu tragen. Der Soldat läßt durch seine an NS-Banner erinnernde, zugleich zwergenhaft kleine Fahne, die anstelle des Hakenkreuzes das Universalsymbol der Windrose enthält, Haß und Nationalismus allerorten befürchten; das die deutsche Fahne verbrennende apokalyptische Mischwesen weist in eine ähnliche Richtung. Die beiden Narren auf dem Rücken des Pegasus sind mehr mit sich selbst beschäftigt und blicken, “fasziniert von den Feuern der Vergangenheit”, zurück anstatt nach vorne; dem an der Mauer hockenden Mann scheint nur noch die Flucht in die Resignationzu bleiben. In alledem steckt etwas von Blindensturz und Narrenschiff, und manche Motive erinnern nicht umsonst von fern an die Bilderwelten Boschs und Brueghels d. Ä. Bühler hat hier eine sehr persönliche Zukunftsvision geschaffen – skeptisch, unsicher, fragend, aber nicht pessimistisch-moralisierend und mit einer guten Portion zuweilen ins Schwarze hineinspielenden Humors.
Jens Niebaum

mehr zu Thomas Bühler:
> www.atelier-multi-art.de
> www.chronosroma.eu/os/buehler.htm
> www.chronosroma.eu/ops.htm
> www.melpi.de
Arbeiten von Thomas Bühler sind in der Melpomene-Ausstellung in dem Osnabrücker Pizzahaus, Markt, zu sehen. siehe Artikel auf os-nachbarn.de

Externes Bild

Zu dem OPS-Projekt in der Osnabrücker Altstadt:
> www.chronosroma.eu/ops.htm
Die ausgestellten Werke können in den Ateliers der Künstler erworben werden.
Die Kunstschaffenden unterstützen das OPS-Projekt, indem sie nur 70% der Verkaufssumme beanspruchen:
10% erhalten die Käufer als Bonus.
10% sind eine Spende für die Osnabrücker Krebsstiftung.
10% stellen die Deckung der Kosten des Projekts dar (wird bislang ehrenamtlich gemacht).
Wo welcher Künstler gerade vorgestellt wird:
> www.chronosroma.eu/ops/expoOS/now.htm